Kristina

„Sind Sie sicher, dass ich nicht warten soll, Miss?“, fragt der Taxifahrer mit skeptischem Blick auf die graue Fassade und den noch graueren geteerten Vorplatz ohne jeden Baum oder Strauch. Ich weiß nicht, was er sonst in seinem Job erlebt, und vielleicht ist dieses Viertel nicht die Gegend, wo er üblicherweise hinfährt, aber seine wiederholte Frage beunruhigt mich nun doch ein wenig.
„Das hier ist doch 73 Penny Road, oder?“
„Natürlich, Miss.“ Der Mund des Taxifahrers verzieht sich vor Empörung darüber, dass ich ihm offenbar seine Ortskenntnis absprechen will, und ich schenke ihm rasch ein versöhnliches Lächeln.
„Dann bin ich hier richtig. Sie brauchen nicht warten, es wird ein paar Stunden dauern.“ Vielleicht sogar noch länger, füge ich ihn Gedanken hinzu. „Vielen Dank.“
„Gern geschehen. Einen schönen Abend.“
Ich steige aus und gehe auf die Tür zu, die Noah mir beschrieben hat. Sie ist genau so langweilig wie das Ambiente drumherum. Zweigeteilt, mit Glas mit Drahteinsatz. Auf dem Zettel, der in einer Klarsichtfolie schief an die obere Scheibe geklebt ist, stehen Kontaktdaten zu einem Hausmeisterservice. Neben der Tür ein Ziffernblock für die elektronische Türöffnung. Das alles hat den Charme eines Industriehafens und für den Bruchteil einer Sekunde bereue ich es, den Taxifahrer weggeschickt zu haben. Wenn mich jemand überfällt, ist hier weit und breit niemand, der mir helfen könnte. Andererseits ist auch niemand weit und breit zu sehen, der mich überfallen könnte. Ausgenommen Noah. Das hoffe ich jedenfalls – also, dass er hier ist. Das mit dem Überfallen könnte …
Der Zahlencode für die Tür lautet übrigens 7493.
Hat er geahnt, dass ich gerade jetzt mein Handy in der Hand halte, um ihn anzurufen? Ich lege den Kopf in den Nacken und schaue zu den Fenstern über mir hoch, aber dort ist niemand zu sehen. Ich tippe den Code in den Ziffernblock und ein leises Piepen verrät mir, dass ich die Tür aufdrücken kann.
Der Charme von Industriegebäude setzt sich im Innern fort. Süßlich muffiger Geruch von kühlem Stein und Plastik. Der Boden hat diesen seltsamen Gummibelag mit kreisrunden Erhebungen und trägt in seinem Hellgrau nicht unbedingt zu einer Wohlfühlatmosphäre bei. Na ja, ich wollte kein Hotel, daran hat Noah sich offenbar gehalten. Allerdings fällt es mir schwer mir vorzustellen, hier irgendwo Räumlichkeiten für Klavierunterricht zu finden. Um dem Geruch so gut wie möglich zu entgehen, atme ich durch den Mund, während ich, wie von Noah beschrieben, die Treppe nach oben in den ersten Stock gehe. Die Optik hier oben auf dem Flur unterscheidet sich unwesentlich vom Erdgeschoss, aber in der Tür, die der Treppe am nächsten ist, steht Noah und lächelt mir entgegen.
„Hi.“
Die Erleichterung, die mich überfällt, überrascht mich selbst, irgendwo tief in mir muss ich wohl doch Zweifel gehabt haben, ob ich hier richtig bin. Aber mein wild klopfendes Herz, die Schmetterlinge in meinem Bauch und die Hitze, die mich überfällt, sprechen eine eindeutige Sprache. Ich überwinde die drei Meter zwischen uns und umarme ihn.
„Hey.“
Er hält mich fest, länger als es für eine Begrüßung notwendig wäre,
und ich drücke mich noch enger an ihn. Seine Geste verrät mir: wir sind allein hier, niemand wird es seltsam finden, dass wir hier so stehen. Noah neigt seinen Kopf etwas zur Seite und küsst mich auf den Hals. Von der Stelle breitet sich ein Prickeln über meinen gesamten Körper aus. Es hat keinen Zweck, mir einzureden, dass ich hergekommen bin, um Noah eine weitere Klavierstunde zu geben. Das ist nur ein netter Vorwand. So heiß wie mir ist, und so, wie er sich an mich drückt und seine Arme um mich legt, wissen wir beide, dass wir die Harmonien heute anders als über schwarze und weiße Tasten erschaffen werden.
Ich drücke ihn gegen den Türrahmen und er stöhnt auf. Leider vor Schmerz und ich weiche erschrocken zurück.
„Oh, sorry, ich wollte nicht …“
„Schon okay. Wir sollten ohnehin nicht hier draußen auf dem Gang rumstehen.“
Als er mich in den Raum hinter sich führt, kann ich nur staunen. Nach all der Hässlichkeit draußen auf dem Parkplatz und auf dem Flur, hätte ich nicht damit gerechnet, hier einen so gemütlichen und stilvoll eingerichteten Proberaum vorzufinden. Auf einer Seite ist eine Sitzecke mit Sesseln und Plüschsofa aufgebaut, an einer Wand hängen Gitarren in Halterungen an der Wand, in der nächsten Ecke stehen E-Drums aufgebaut, gegenüber ein kleiner Flügel.
„Wow“, entfährt es mir. „Das ist ziemlich cool. Ist das dein Proberaum?“
Noah streicht sich beinahe verlegen durchs Haar und lacht. „Du weißt doch, dass ich mit keinem dieser Instrumente hier umgehen kann. Nein, das ist der Proberaum von einem unserer Produzenten. Er überlässt ihn uns heute.“
„An deinen Fähigkeiten bezüglich eines dieser Instrumente wollten wir doch arbeiten, oder?“ Der Versuch, das Ganze in eine halbwegs seriöse Richtung zu lenken, ist nicht richtig ernst gemeint und Noahs ergebende Seufzen ist entsprechend theatralisch. Trotzdem kann ich es nicht lassen, meine Finger über den schwarzglänzenden Lack des Flügels und die Klaviatur gleiten zu lassen. Es hat eine ähnlich magnetische Anziehungskraft auf mich wie Noah. Er stellt sich neben mich, lehnt seinen Kopf auf meine Schulter, während ich ein paar Töne anschlage.
„Spielst du mir vor, was dein Herz gerade sagt?“
Seine Worte sind wie warmes Wasser, das meinen Körper umschmeichelt, sanft an meinen Armen vor und zurückbrandet. Ich lasse mich auf die Klavierbank gleiten, Noah mit mir ziehend, und lege die Hände auf die Tasten.
Aufregung, schnelle Töne, verzweifelte Melodie der Sehnsucht, Akkorde, die nach Auflösung verlangen. Noahs linke Hand ruht warm auf meinem Rücken, hält mich.
Plötzlich wirft er mit der rechten ein paar Töne in mein Spiel. Ein zartes Herantasten. Es klingt gut und ich lächle ihm zu, spiele weiter. Septakkorde, die er auflöst. Mein Herz rast.
„Du kannst es doch“, sage ich heiser.
„Nur wenn du dabei bist“, erwidert er.
Wir spielen weiter, ich mit der linken, er mit der rechten Hand. Unsere anderen Hände haben den Weg zueinander gefunden und setzen ihr Spiel unterhalb der Klaviatur fort. Mir wird heiß, das Ziehen in meinem Unterleib lässt sich nicht mehr ignorieren, geschweige denn mit Tönen überspielen, und das, was ich bei Noah spüre, als ich mit meiner Hand seinen Oberschenkel hinaufwandere, spricht eine ebenso deutliche Sprache. Die letzten Töne verklingen, ich mache mir nicht die Mühe, das Pedal durchgedrückt zu halten.
Noahs Hände gleiten unter mein Top. „Ich bin ein schlechter Schüler“, flüstert er.
„Du bist nicht mein Schüler, nicht jetzt“, sage ich entschieden und küsse ihn.
Wieder verliere ich den Überblick über Raum und Zeit. Da sind nur noch Noah und ich. Mag sein, dass seine Hände am Klavier keine Wunder vollbringen, aber welche Rolle spielt das, wenn er bei mir so zielsicher jede Stelle findet, die mich von einem Höhepunkt zum nächsten jagt.
„Du machst mich fertig“, bringe ich atemlos hervor, während mein Herzschlag noch in meinen Ohren dröhnt. Ich halte Noah fest umschlungen, weil ich meinen erhitzten und erschöpften Gliedern nicht zutraue, sich allein halten zu können.
„Sollen wir …“
„Denk nicht einmal dran“, unterbreche ich ihn, und schon finden unsere Lippen sich wieder. Langsam finde ich die Kontrolle über meinen Körper wieder, schlinge ein Bein um seine Hüfte. Noah lässt sich rücklings auf der Klavierbank nieder, zieht mich mit sich, bis ich, ganz vereint mit ihm, auf seinem Schoß sitze.
„Spiel für mich.“
Ich brauche nicht hinzusehen. Den Kopf auf seiner Schulter abgelegt, greife ich um Noah herum, lasse die Finger auf die Tasten fallen und spiele. Wiege mich, uns, in der Dynamik der Musik vor und zurück. Noah stöhnt leise, trotzdem vibriert mein Körper mit. Ich verbinde die Töne, die ich erreichen kann, zu einem Allegro. Noahs Atem geht schneller. Über die tiefen Akkorde reihe ich ein paar verspielt perlende Töne. Noah hält die Luft an, ich spüre die Anspannung in seinen Muskeln, die hart gegen mich drücken. Ich spiele weiter. Bis Noahs Kopf auf meinen sinkt und er lang ausatmet.
„Es geht dir wieder besser“,
sagt Noah unvermittelt, als ich kurz darauf, wieder angezogen, in seinen Armen auf dem Sofa liege.
„Wie meinst du das?“
Lächelnd streicht er mir eine Strähne hinters Ohr. „Auf den letzten Fotos auf eurem Account sahst du angespannt aus. Sogar eben, als du angekommen bist. Das ist jetzt weg.“
In Sekundenschnelle rekapituliere ich, welche Bilder wir in den letzten Tagen in den sozialen Medien geteilt haben und wie ich darauf ausgesehen habe, aber mir fällt nur ein Bruchteil ein. Da Ben sich hauptsächlich um unsere Accounts kümmert, habe ich nicht den Überblick. Aber wenn ich auf den Bildern nicht gut aussehe, sollte ich darauf vielleicht ein zusätzliches Auge haben. Weitere Spekulationen und reißerische Überschriften brauche ich echt nicht.
Noah scheint meine Gedanken zu lesen und lacht auf. „Keine Sorge, du siehst umwerfend aus auf den Bildern. Die Anstrengung wird niemandem auffallen.“
Außer ihm. „Woran hast du es gemerkt?“
Sein zögerliches Schweigen und der Blick, der kurz in die Ferne schweift, sind mir Antwort genug. Ich erinnere mich an eine seiner Storys, die ich vor einer gefühlten Ewigkeit angesehen habe. Der veränderte Gesichtsausdruck, der mich stutzig gemacht hat, der unter all den professionellen Bildern dem Großteil seiner Follower aber entgangen sein dürfte.
„Du kannst das besser als ich.“
„Was?“
„Deine wahren Gefühle unter einer Maske verstecken.“
Er lächelt. Kein Profilächeln, sondern etwas gequält. Dafür aber ehrlich, keine Maske. „Jahrelange Übung vermutlich.“
Mir entfährt ein Lachen. „Jahrelang? Ihr seid doch erst seit gut einem Jahr mit Five2Seven unterwegs.“
Ruckartig richtet er sich auf und sieht mich wie vom Donner gerührt an. „Du weißt es nicht?“
„Was?“
„Wie lang ich schon im Geschäft bin? Wer meine Familie ist?“
Ich halte die Luft an. Er wird mir doch jetzt nicht offenbaren, dass er der britische Thronfolger ist, oder? Vorsichtig schüttle ich den Kopf und komme mir ziemlich dumm dabei vor. Noah hingegen scheint es zu amüsieren. Ich weiß nicht, ob es das besser macht.
„Du hast nicht meinen Wikipedia-Artikel gelesen?“
„Nein. Das wirklich Interessante steht doch nicht bei Wikipedia. Noah Hammond, geboren am … in …“ Ich unterbreche mich selbst. „Wann hast du Geburtstag?“
Noah spitzt die Lippen, dann grinst er. „Siebter August, geboren in Brighton. Und du?“
Ich erwidere das Grinsen. „Du hast also auch nicht nachgeschaut. Fünfundzwanzigster April in München. Das hätten wir also geklärt. So, und jetzt erzähl mir von deiner langen Karriere.“
Es soll scherzhaft klingen, aber als sein Grinsen verschwindet und das Leuchten in seinen Augen erlischt, wird mir klar, dass ich einen wunden Punkt getroffen habe. Einen wunden Punkt, wie auch ich ihn tief in mir verborgen habe.
„Das Tragische ist, dass es eigentlich die Karriere meines Vaters ist. Ryan Hammond. Er hat 1996 mit einem Freund unter dem Namen Stardust den Hit Falling for you gelandet. Die anderen Songs kennt kaum jemand, aber mit Falling for you haben sie ausgesorgt. Und Dad hat ein Talent dafür, sich zu verkaufen. Als Speaker, Coach, Juror – und Reality-Star.“ Das letzte Wort spuckt er aus wie ein Stück Dreck.
Mir ist Falling for you vage bekannt, aber den Namen von Noahs Vater höre ich nun zum ersten Mal. „Klingt nicht so, als hättet ihr ein besonders herzliches Verhältnis. Tut mir leid.“
Noah seufzt und zuckt mit den Schultern. „Er ist halt mein Dad. Früher war es auch meistens ganz witzig, wenn wir irgendeinen Dreh hatten. Die Hammond-Family im Urlaub in den Highlands, Weihnachten mit den Hammonds … Aber inzwischen geht es mir ehrlich gesagt, ziemlich auf den Keks. Es ist schwierig, sein eigenes Ding zu machen, wenn dauernd gesagt wird Ach, du bist doch der Sohn von Ryan Hammond!“
Er sieht mich nicht an und ich bin froh darum. Ich verstehe so gut, was er meint, auch wenn ich nie in Reality-Serien auftreten musste. Bittere Galle steigt in mir auf, weil Noah mir die Wahrheit gesagt hat, und ich meine Wahrheit für mich behalte. Dabei müsste ich nur sagen, dass ich seine Gefühle nachvollziehen kann, weil ich ähnliches erlebt habe. Aber ich kann nicht. Die Worte sind in meinem Kopf, wollen jedoch nicht über meine Zunge kommen. Allein die Vorstellung es auszusprechen, bringt mein Herz zum Rasen und schnürt mir die Luft ab.
„Kristina, ist alles in Ordnung?“ Noahs Arm legt sich fest um meinen Rücken, er richtet mich auf und sucht besorgt meinen Blick.
Ich schließe die Augen, schlucke, atme tief ein und aus. Die Panik verfliegt. „Alles gut“, keuche ich.
„Sicher?“ Er sieht mehr als skeptisch aus. Kein Wunder, ich würde mir auch nicht glauben. Ich weiß, dass mir Schweiß auf der Stirn steht und meine Hände kalt sind. „Sorry, ich … ich kann nicht darüber reden.“
Noah zieht mich in eine sanfte Umarmung, in der ich meinen Kopf in seine Halsbeuge lehnen kann. „Das musst du nicht. Aber wenn du es irgendwann möchtest, egal wann, ich bin da.“
„Danke.“ Ich blinzle eine Träne weg und wünsche mir brennend, dass dieser Tag kommen wird, an dem ich Noah nicht nur vertraue wie jetzt, sondern mich ihm auch anvertrauen kann.
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